Wie du deinen Kleiderschrank entrümpelst – und dabei deinen eigenen Stil findest
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Sonntagmorgen, du stehst vor deinem Kleiderschrank, hast gleich eine Verabredung in einem Café am Prenzlauer Berg oder am Münchner Gärtnerplatz – und trotzdem das Gefühl, rein gar nichts zum Anziehen zu haben. Dabei quellen die Fächer über. Dieses Paradox kennen die meisten von uns. Der Kleiderschrank ist voll, aber er gehört irgendwie nicht wirklich zu uns. Irgendwann haben wir Sachen gekauft, weil sie im Angebot waren, weil eine Freundin meinte, das stehe uns gut, oder weil wir gehofft haben, mit dem richtigen Pulli auch ein anderes Leben zu führen. Das Ergebnis: ein Chaos aus fremden Identitäten und verpassten Trends.
Entrümpeln ist aber mehr als nur aufräumen. Es ist eine echte Chance, sich selbst besser kennenzulernen.
Raus mit dem alten Ballast – aber mit System
Bevor du blindlings alles auf den Boden schmeißt, lohnt sich eine kurze Vorbereitung. Nimm dir einen freien Nachmittag, mach eine gute Playlist an und hol alles aus dem Schrank heraus. Wirklich alles. Dieser Moment, wenn du siehst, was sich über Jahre angesammelt hat, ist oft ein kleiner Schock – und gleichzeitig befreiend.
Jetzt kommt die ehrliche Frage bei jedem einzelnen Teil: Habe ich das in den letzten zwölf Monaten getragen? Wenn die Antwort nein ist, braucht es einen wirklich guten Grund, warum das Stück bleibt. „Ich könnte es vielleicht mal brauchen" zählt übrigens nicht als guter Grund. Das sagen wir uns seit Jahren – und es stimmt nie.
Eine bewährte Methode: Teile alles in drei Stapel auf. Behalten, Weggeben, Unsicher. Den Unsicher-Stapel packst du in eine Tüte und stellst sie für vier Wochen in den Keller oder ins Abstellkämmerchen. Was du in dieser Zeit nicht vermisst hast, kommt weg. Klingt simpel, funktioniert aber erstaunlich gut.
Wer seine Klamotten lieber weitergeben als wegwerfen möchte, hat in deutschen Städten viele Möglichkeiten. Kleiderkreisel-Treffen, Flohmärkte wie der am Mauerpark in Berlin oder der Auer Dult in München, oder einfach eine Tüte zur nächsten Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes – das Gute daran: Man weiß, dass die Sachen noch genutzt werden.
Deinen eigenen Stil wirklich verstehen
Jetzt, wo der Schrank leerer ist, beginnt der eigentlich interessante Teil. Was bleibt übrig? Und was sagt das über dich?
Lege alle Teile, die du behalten hast, nebeneinander aus und schau sie dir wie von außen an. Oft erkennt man in diesem Moment zum ersten Mal ein Muster: Vielleicht zieht man immer wieder zu gedeckten Farben – Blau, Grau, warmes Beige. Vielleicht liegen da ausschließlich strukturierte Materialien wie Cord oder schwerer Stoff. Oder du merkst, dass du unbewusst immer klassische, zeitlose Schnitte bevorzugst.
Das ist kein Zufall. Das ist dein Stil – auch wenn du ihn bisher vielleicht nie so benannt hättest.
Eine hilfreiche Übung: Öffne Pinterest oder schau dir ein paar Magazine durch und speichere oder markiere Outfits, die dich spontan ansprechen. Nicht weil sie angesagt sind, sondern weil du beim Anblick denkst: „Ja, das bin ich." Nach einer Weile ergibt sich fast von selbst ein klares Bild. Dann weißt du, wonach du beim nächsten Einkauf wirklich suchen solltest.
Ein oft unterschätzter Faktor ist dabei der Alltag. Wer in Frankfurt im Büro arbeitet und abends gern in entspannten Bars abhängt, hat andere Anforderungen als jemand, der in Hamburg freiberuflich von zu Hause aus arbeitet und hauptsächlich draußen Zeit verbringt. Dein Stil muss zu deinem echten Leben passen – nicht zu dem Leben, das du auf Instagram siehst.
Weniger haben, besser anziehen
Ein leerer Kleiderschrank klingt für viele zunächst beängstigend. Doch wer erst einmal erlebt hat, wie entspannt der Morgen abläuft, wenn man nur Sachen besitzt, die man wirklich gern trägt, möchte nicht mehr zurück.
Das Konzept einer sogenannten Capsule Wardrobe – einer kleinen, aber durchdachten Grundgarderobe aus kombinierbaren Teilen – wird in Deutschland immer populärer, und das aus gutem Grund. Statt dreißig mittelmäßige Teile besitzt man fünfzehn, die alle zusammenpassen und sich gut anfühlen. Das spart morgens Zeit, Nerven und auf Dauer auch Geld.
Wer seinen Schrank neu aufbauen möchte, sollte dabei lieber einmal mehr in gute Qualität investieren als ständig günstige Impulskäufe zu tätigen. Ein gut sitzender, zeitloser Mantel aus einem Hamburger Secondhandladen oder ein klassisches weißes Hemd aus einem kleinen Berliner Concept Store hält Jahre – und sieht dabei immer noch besser aus als das dritte Fast-Fashion-Teil dieser Saison.
Letztlich geht es beim Entrümpeln nicht darum, möglichst wenig zu besitzen oder einem bestimmten Minimalismus-Ideal zu entsprechen. Es geht darum, dass dein Kleiderschrank sich wieder nach dir anfühlt. Dass du morgens reinschaust und dich freust – statt dich zu ärgern. Das ist ein kleiner Schritt, der im Alltag erstaunlich viel verändert.
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